Omara Portuondo und Ibrahim Ferrer

Vor zehn Jahren war es, da Buenavista Social Club die kubanische Musik zum dritten Mal im 20. Jahrhundert auf Reisen um die Welt schickte. Paris und New York, Weltzentren der Musik in den zwanziger Jahren, entdeckten damals die Rhythmen der Karibikinsel..

Rumba und Son in traditioneller Art bemächtigten sich der Tanzflächen und Nachtklubs und ließen die entstehenden Schallplattenfirmen aufhorchen. In den USA hielten sich El Manisero (der Erdnussverkäufer) und die von der in jenen Jahren die Musikszene beherrschenden Gruppe US-amerikanischer Komponisten und Produzenten, der Tin Pan Alley promoteten Serienmelodien die Waage. In Paris verbreitete sich zur gleichen Zeit die sogenannte vague cubaine mit Sängern und Musikern der Antilleninsel.

Für neues Aufsehen sorgte nun, es ist noch nicht so lange her, die phänomenale Gruppe Buenavista Social Club. Der US-amerikanische Rockgitarrist Ry Cooder, Teilhaber des britischen Produzenten Nick Gold, kam 1996 nach Havanna mit der Absicht, unter dem World-Music-Banner eine gemeinsame Plattenaufnahme mit afrikanischen und kubanischen Musikern zu realisieren. Die Afrikaner kamen nicht, doch sah sich Cooder vor offenen Türen, als er entdeckte, dass der Tresist und Instrumentalist Juan de Marcos González, Leiter der Gruppe Sierra Maestra, Stars der traditionellen kubanischen Musik gruppiert hatte, um Boleros, Sons und Guarachas zu neuem Leben zu erwecken.

Die meisten dieser Musiker hatten den Glanzpunkt ihrer Laufbahn erreicht und standen im fortgeschrittenen Alter. Francisco Repilado (Compay Segundo) mit noch intakter Stimme war nahe an den Neunzigern. Ibrahim Ferrer, dereinst Schuhputzer in seiner Freizeit war, sang mit seiner Tenorstimme noch ganz klar die schwierigsten Melodien. De Marcos hatte erstklassige Instrumentalisten: den Pianisten Rubén González, den Kontrabassisten Orlando Cachaíto López und den Trompeter Modesto Mirabal, El Guajiro. Auf ganzer Höhe standen die Sänger Omara Portuondo und Elíades Ochoas. Mit dem Chan chan von Compay Segundo, dem heißen Son El cuarto de Tula und dem zarten Danzón eroberte die Platte Buenavista Social Club ab September 1997 die Diskotheken im Sturm, erhielt im Jahr darauf einen Grammy in den Vereinigten Staaten und wurde nahezu überall auf der Welt verkauft. Die Zeitschrift The Rolling Stones setzte sie auf Platz 260 der 500 besten Albums aller Zeiten.

Das Unternehmen Nick Gold, World Circuit, begann die Saga von Buenavista Social Club auszunutzen und produzierte weitere Platten, gewidmet Rubén González, Cachaíto, Ibrahim, dem Gitarristen Manuel Galbán, dem Paukenschläger Amadito Valdés und der großartigen Omara Portuondo. Das Instrumentalformat unterlag flexiblen Änderungen. Nach Ableben von González nahm der junge Pianist Roberto Fonseca seinen Platz ein und mit ihm kam frischer Wind in die Gruppe.

Zum Welterfolg von BVSC trug auch viel der 1999 gedrehte Dokumentarfilm Buena Vista Social Club des angesehenen deutschen Cineasten Wim Wenders bei, stark umstritten in den kubanischen Fachmedien mit Kritik an der misslichen apokalyptischen Version der Inselrealität, wie sie im Film gezeigt wird.

Nun denn, ist die Musik von BVSC ein bloßes Retten der Vergangenheit? Die Antwort darauf gibt uns Musikwissenschaftler Leonardo Acosta: "Nichts schulden die Musiker von Buenavista einer vermeintlichen ‚Vergangenheitsnostalgie'. An erster Stelle, weil das internationale Publikum, Alt und Jung, das der Gruppe Applaus spendete, nie zuvor eine solche Musik gehört hatte; eine überaus lebendige Musik, die fortwährend aufgefrischt wird. Die vor vielen Jahren gehörten Sons und Boleros werden neu interpretiert, als spiele man sie zum ersten Mal."